Versuchung

                Er redet und redet und ich versuche beim besten Willen, seinen Worten zu folgen. Doch überall in seinem Gesicht lauern Ablenkungen: wohlgeformte Lippen, nicht zu dünn, nicht zu voll, einfach perfekt. Sein markanter Kiefer, der sorgsam gestutzte Bart und die Augen… Scheiße, das hilft nicht. Sieh ihm nicht in die Augen, denke nicht an sie! Aber ich weiß, dass ich mich ihrem Bann nicht lange entziehen kann. Ich würde mich vollkommen in ihnen verlieren. Nur noch ein paar Sekunden, bis mir die Zügel entgleiten, mit denen ich das Tier in mir im Zaum halte, und auch noch die letzten Reste dessen verliere, was mir überhaupt noch an Vernunft und Verstand bleibt.        Ich wechsle das Thema, lenke meinen Blick auf etwas anderes. Wände, Boden, Hose, Hemd, Hals… Stopp! Ich werfe einen Blick auf die Uhr, die leise an der Wand vor sich hin tickt. Es ist spät. Sicherlich wird er bald gehen? Mein Leiden, so dekadent es sein mag, gleichzeitig Fluch und Segen, es muss doch irgendwann enden!

            Merkt er denn nicht, was vor sich geht? Vielleicht ja, aber vielleicht auch nicht. Aber er möchte nicht alleine sein, also bleibt er. Und redet und redet und redet. Teilt seine Träume mit mir, schildert mir seine Vorlieben, Pläne und Hoffnungen, alle in durchdachte, eloquente Sätze verpackt, die ich inzwischen von ihm erwarte. Ich bin wie gefangen. Wie kann ich mich nur befreien? Ich sitze einfach nur da und versuche, mich diesen verführerisch perfekten Lippen, dem perfekten Gesicht, den Augen zu widersetzen.

            Denke nicht an die Augen. Sieh nicht hin!

            Ich kann ihnen einfach nicht widerstehen.

            Geh!, möchte ich ihm ins Gesicht schreien, bitte, geh endlich! Ich kann dich nicht hinauswerfen, du hast mich hier zur Geisel gemacht, gefangen genommen mit deinem Charme und deinem Wesen. Aber er geht nicht und ich muss das Tier in mir weiter zügeln. Es kostet mich all meine Kraft und Minute um Minute schwindet sie weiter. Mir dürfen diese letzten Reste Selbstkontrolle keinesfalls entgleiten. Was kann ich denn anderes tun? Das Risiko, ihn zu verlieren, ist viel zu hoch.

            Es ist besser so, rede ich mir selbst ein, es ist in Ordnung. Das Bisschen Zuneigung, das meinem armen, müden Selbst gespendet wird, die leise Verheißung von Akzeptanz, die aus den luftigen Höhen auf mich hinabtröpfelt, die strahlende Wesen wie er bewohnen, sind genug für jemanden wie mich. Es ist besser so.

            Das Tier in mir lacht auf und schnaubt verächtlich. Ich habe zwar die Kunst gemeistert, mich selbst zu täuschen, aber es lässt sich nicht so einfach hinters Licht führen. Trotzdem zieht es sich zurück und wartet ab. Ich weiß, dass es schon bald eine neue Chance bekommen wird.


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“That, my friends, is a great book.”Rebecca Hefner, author

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